Heilige Stadt Varanasi - die Stadt, die niemals schläft

So, 05.11.2017

Eine der ältesten Städte der Welt, für viele geheimnisumwoben und mystisch: Varanasi, einer der Höhepunkte dieser Reise und einer der Gründe für uns, genau diese Reise zu buchen. Die Engländer nannten die Stadt Benares, gläubige Hindus Kashi. In vielen Reisebeschreibungen habe ich gelesen, dass man auf den Besuch dieser Stadt mental vorbereitet sein müsste! Unsere Anspannung ist extrem hoch!

Die nachfolgenden kleinen Bilder vergrößern sich beim Anklicken!

Straßenverkäufer in Varanasi
Straßenverkäufer in Varanasi
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Nach dem Frühstück geht es zunächst per Bus Richtung Innenstadt, anschließend besteigen wir eine Fahrradrikscha, die uns bis zum Sanskrit University Platz, dem Platz mit dem Kuhdenkmal, bringt. Hier steigen wir aus und ab hier geht es zu Fuß weiter, zu dicht und überfüllt sind die engen Gassen und Straßen. Überall werden religiöse Utensilien, orangene Leichentücher, Räucherstäbchen, Kleidung, Essenswaren und Getränke verkauft.

Kühe suchen im Müll nach Essensresten
Kühe suchen im Müll nach Essensresten
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Auffallend ist die angespannte Müllsituation: es ist äußerst dreckig und stinkt. Im Vorhinein wussten wir ja, dass wir unsere Erwartungen beim Thema Sauberkeit und Hygiene in Indien herunterschrauben müssen, aber das ist hier schon extrem.

Müll auf den Straßen
Müll auf den Straßen
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Der Müll liegt überall, Kühe suchen im Abfall nach Essen oder breiten sich auf der Straße aus, denn die meiste Zeit sind sie mit Wiederkäuen beschäftigt. Kein Inder wird sie dort vertreiben und Keinen scheint die Situation zu stören. Ein Glück, dass ich keine Sandalen angezogen habe, sondern festes Schuhwerk! Vor mir knallt einer seine Tüte mit Essensresten und Tomatenketchup auf die Straße - Müll kommt zu Müll.

Unser Reiseleiter hatte ausdrücklich darauf hingewiesen, in der Gruppe zu bleiben, damit keiner in dem Gewirr verloren geht! Vor mir entleeren zwei heilige Kühe ihren Darminhalt, für einen kurzen Augenblick gerät die Menschenmasse, die sich zu den Ghats drängt, ins Stocken und ich verliere die Gruppe aus den Augen! Das habe ich mir nun nicht gerade gewünscht! Nach kurzer Überlegung entscheide ich mich weiter zu gehen Richtung Ganges. Geld habe ich dabei, eine Visitenkarte vom Hotel ebenfalls. Zur Not hätte ich zurückgehen und mir ein Taxi zum Hotel nehmen müssen. Dass die Gruppe zwischenzeitlich links abgebogen ist und Dieter verzweifelt versucht, mich auf dem Handy zu erreichen (was aus unerklärlichen Gründen nicht funktioniert) erfahre ich im Nachhinein. Ich bleibe in der Menschenmasse, die sich zum Dashashvamedha Ghat, dem größten Badeplatz drängt, an dem sich das religiöse Leben am Ganges konzentriert. Immer wieder werde ich angesprochen bzw. verwundert angeschaut, dass ich hier völlig alleine losmarschiere. Aber keiner belästigt mich, Gott sei Dank!

Sadhu in Varanasi
Sadhu - heiliger Mann in Varanasi
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Ab und zu sehe ich einen Sadhu mit langem Bart, Dreizack und Körperbemalung. Für ein Foto hält er die Hand offen! Diese Männer gelten als heilig, führen ein streng asketisches Leben, das einzig dem hinduistischen Glauben gewidmet ist. Nach ca. 10 Minuten gelange ich an die Steintreppen am Ufer, den so genannten Ghats. Zahlreiche Boote mit Gläubigen oder Touristen schwimmen auf dem Ganges, andere Boote warten noch auf Gäste und auch ich werde angesprochen, mitzufahren.

waschen im Ganges
Waschzeremonie im Ganges
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Männer und Frauen stehen im Wasser und nehmen ein rituelles Bad. Einer füllt eine mitgebrachte Flasche mit Ganges Wasser! Das soll ja heilig sein! Ich entdecke ein kleines Podest. Oben auf dem Podest kann man gut das ganze Geschehen überblicken. Und ich werde hier auch gesehen, von meiner Gruppe! Ich bin "gerettet"! Der örtliche Reiseführer, der unsere Gruppe begleitet, holt mich zurück. Er hätte eigentlich am Schluss gehen müssen und muss sich später eine Rüge des Reiseleiters gefallen lassen.

Am Ufer des Ganges
Am Ufer des Ganges
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Die Gruppe (ich bin wieder dabei) ist am Ganges Ufer angekommen. Der Ganges, die "Mutter Indiens", ist für Hindus der heiligste aller Flüsse. Ein Bad im Ganges überall am Fluss ist heilig und heilend. Das Ritualbad stellt eine der tiefsten Erfahrungen im Leben eines gläubigen Hindu dar. Dabei beten die Menschen für die Reinheit von Körper, Geist und Seele und erbitten neue Kraft für ein frommes Leben.

Am Ufer des Ganges
Am Ufer des Ganges
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Gläubige Hindus würden nie in den Ganges spucken oder urinieren. Aber sie wollen anscheinend auch nicht wahrhaben, dass der Fluss total verdreckt ist, dass er Kolibakterien Werte aufweist, die 1000 mal höher liegen als die zulässigen Grenzwerte, kurzum, dass er eine Kloake ist. Abwässer werden ungeklärt in den Ganges geleitet, der Fluss wird ungehemmt weiter verschmutzt. Aber da der Fluss im Glauben der Menschen heilig ist, kann man weiterhin seine Sünden dort abwaschen! Unter diesen Umständen erschreckend, hier zuzusehen!

Am Ganges
Menschen am Ganges
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Blick auf das Gangesufer
Blick auf das Gangesufer
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Wir ruhen uns eine Weile auf einer Treppe aus und beobachten das Leben und Treiben der Menschen. Dann machen wir eine kurze Mittagspause in einem höher gelegenen kleinen Restaurant. Von hier haben wir einen guten Überblick über das Ufer und die unzähligen Boote.

Das religiöse Leben konzentriert sich zwischen dem bereits oben erwähnten Dashashvamedha Ghat, dem größten Badeplatz, und Manikarnika Ghat, dem traditionellen Verbrennungsplatz. Hindus denken in Kreisläufen. Alles ist vergänglich, alles kehrt wieder. Werden und Vergehen, Leben und Tod sind Teil des ewigen natürlichen Kreislaufs. Die menschliche Seele durchläuft den Zirkel von Wiedergeburt und Tod viele Tausend Male, bevor sie schließlich im Nirwana erlöst wird. Geht das Leben zu Ende, ist es das größte Glück und das Ziel aller Hindus, am Ganges zu sterben, damit sich die Asche mit dem Fluss vereinen kann und die Seele vom Zyklus der Wiedergeburt befreit wird.

Holz für die Verbrennung der Leichen
Holz für die Verbrennung der Leichen
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Für uns ist es schon ein eigenartiges Gefühl, als wir das erste Mal erleben, wie eine Holztrage an uns vorbei manövriert wird, auf der sich ein Verstorbener befindet, eingehüllt in ein prächtig buntes Leichentuch. Dabei wird das Gebet "Ram nam satya hain" (Gottes Name ist Wahrheit) gesungen. Wie der Reiseleiter berichtet, wird der Verstorbene kurz in den Ganges eingetaucht, dann in ein weißes Leichentuch gehüllt (weiß ist die Farbe der Trauer) und auf den vorbereiteten Scheiterhaufen gelegt. Die Familienmitglieder verabschieden sich, wobei es Frauen meist nicht gestattet ist, an den Scheiterhaufen zu treten.

Verbrennungsstätte in Varanasi
Verbrennungsstätte in Varanasi
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In der Regel dauert es mehr als 3 Stunden, bis ein Mensch zu Asche verbrannt ist. Ist ein Knackgeräusch zu hören, ist der Schädel aufgebrochen und die Seele ist erlöst. Mehr kann sich ein Hindu nicht wünschen! Die Asche wird unverzüglich dem Fluss Ganges übergeben. Die Verbrennungszeremonie ist für die Familie des Verstorbenen eine finanzielle Herausforderung, denn das Holz ist teuer und wird nach Gewicht bezahlt. Reicht das Geld nicht für genug Brennholz, dass das Feuer ausreichend lang brennt, werden die halbverkohlten Leichen einfach so in den Fluss gekippt.

Verbrennungsstätte in Varanasi
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Nicht alle Menschen werden verbrannt, sondern Säuglinge, schwangere Frauen, heilige Männer und an Lepra Gestorbene werden mit Steinen beschwert und so in den Ganges versenkt.

Am Manikarnika Ghat herrscht aus Pietätsgründen strenges Fotografier Verbot! Das war vor einigen Jahren noch nicht so. Deshalb ein herzliches Danke an Vivien und Erhard, die uns die Bilder der Verbrennungsstätten zur Verfügung gestellt haben.

Heilige Kühe in Varanasi
Heilige Kühe in Varanasi
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Kaum ein Klischee haftet Indien so sehr an wie das der heiligen Kuh. Wie auf dem letzten Bild zu sehen ist, scheuen die Vierbeiner nicht, selbst in den Verbrennungsstätten nach Essen zu suchen. Wir treffen die Buckelrinder überall, im dichtesten Verkehr scheinen sie keine Angst vor Autos zu haben, denn offensichtlich haben sie erfahren, dass die Blechkisten einen großen Bogen um sie machen. Hindus gilt die Kuh als Erscheinung der Muttergöttin, sie symbolisiert Fruchtbarkeit. Der Verzehr von Rindfleisch ist ein Nahrungstabu; nach der Milchproduktion wird eine Kuh meist bis zu ihrem natürlichen Tod gefüttert. Für viele arme Bauern in Indien ist die Kuh das einzige Zugtier und damit die Stütze der Landwirtschaft; für Millionen in Städten und Dörfern ist ihr Dung das wichtigste Brennmaterial für das tägliche Kochen. Wie der Reiseleiter berichtet, setzt vielerorts ein Umdenken ein: in Neu-Delhi und auch in Mumbai sind die Tiere aus dem Stadtbild verschwunden.

Am Nachmittag steht für uns noch ein kleines Highlight an: der Tänzer Babloo Maharaj führt uns in den klassischen indischen Tanz ein.

Am Abend geht es noch einmal zurück zum heiligen Dashashvamedha Ghat. Jeden Abend bei Sonnenuntergang findet hier eine so genannte Ganga Aarti statt,  ein Fest zur Erhaltung der Reinheit, Heiligkeit und Gottheit des Ganges. Auf einer Bühne stehen junge hinduistische Pandits, junge religiöse Gelehrte, die alle in safranfarbene Roben gekleidet sind. Am Anfang wird auf einer großen Meeresschneckenschale geblasen. Dann werden Räucherstäbchen und große Feuerlampen zu rhythmischen Gesängen und dem Klang der Zimbeln geschwenkt.

Öllämpchen
Öllämpchen
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Faszinierend ist die Lichterzeremonie am Fluss. Der Göttin Ganga wird ein rituelles Feueropfer gebracht. Wir fahren mit einem Boot hinaus auf den Ganges. Ein kleines Licht und einige Blüten werden auf ein Schiffchen gesetzt, das Schiffchen mit dem Licht setzen wir auf den Fluss und lassen es die Strömung hinunter treiben. So ehren auch wir den Ganges.

Nach der Bootsfahrt begeben wir uns auf eine kleine Anhöhe, von der aus wir die Verbrennungsstätten am Manikarnika Ghat beobachten können. Auch hier bittet der Reiseleiter wieder, von Fotoaufnahmen abzusehen, da sonst die Erlaubnis, auf dieser Anhöhe stehen zu dürfen, für die nach uns kommenden Studiosus-Gruppen erlöschen würde. Zu Fuß geht es dann durch die engen Gassen zurück zum Bus und zum Hotel. Dort können wir uns am abendlichen Buffet erholen. Morgen heißt es früh aufstehen: Bereits um 5.30 Uhr wollen wir zu einer Bootsfahrt auf dem Ganges entlang der Ghats aufbrechen. Von schnellem Einschlafen ist bei uns nicht die Rede. Die vielen Eindrücke in einer uns fremden Welt beschäftigen uns noch eine ganze Weile.